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Friedensandacht

Bischof Christian Stäblein

Wort des Bischofs rbb 88,8

Samstag, den 19.3.2022

 

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, es ist eine schreckensvolle Zeit. Wir sehen täglich die furchtbaren Bilder aus Mariύpol, aus Kiew, aus Charkiw. Bombenterror und das Einkesseln von Städten, wie wir es uns nicht haben vorstellen können. Ich bin Jahrgang 1967, also Nachkriegsgeneration. Ich bin fassungslos, mit welcher Brutalität der russische Präsident Putin Städte in Schutt und Asche legt. Wir sehen die Menschen selbst, wie sie bei uns ankommen, Kinder, Frauen, Männer, geflohen, nichts als ihr Leben in die Hand genommen. Sie wollen leben. Selbstverständlich nehmen wir sie auf, es ist eine Welle der Hilfsbereitschaft, auch in ganz vielen Kirchengemeinden. Vor einigen Tagen war ich in der Markuskirchengemeinde in Steglitz. Sie haben ihren Gemeindesaal gleichsam über Nacht mit 70 Feldbetten ausgestattet. Das jüngste Kind unter den Flüchtlingen, die hier sind, ist acht Wochen. Es zerreißt einem fast das Herz. Hilfe ist selbstverständlich. Und Beten auch. Bitten für den Frieden. Für die Menschen. Ich bin mir sicher, sie spüren das. Unsere Gedanken zu Gott, unsere Gebete für sie. Beten und Helfen. Und was noch? Die Frage, was dem Frieden dient, was ihn gerade auch jetzt befördert, bewegt. Und ist seit jeher eine Frage auch des Glaubens. In der Nachfolge Jesu hat jede Form der Gewaltlosigkeit Vorrang. Es ist ein besonderer Frieden: Recht und Vertrauen, zivile Lösungen, Stärkung von lokalen und globalen Partnerschaften – all das steht vorne in einer christlichen Friedensethik. Es muss ein gerechter Friede sein, sonst ist es keiner. Und gerade deshalb zerreißt es mich jetzt fast. Denn es ist zugleich völlig unmöglich, Menschen sich selber zu überlassen, die Bombenhagel und Tod im Moment wehrlos ausgesetzt sind. Wer kann da zuschauen und sich noch weiter im Spiegel ansehen. Zur christlichen Friedensethik gehört deshalb auch, Menschen ihr Recht auf Selbstverteidigung nicht zu nehmen, gerade auch in völkerrechtswidrigen, verbrecherischen Angriffskriegen. In solchen Fällen sind auch Waffenlieferungen zur Unterstützung der Selbstverteidigung legitim, ja womöglich richtig. Zum Schutz der Schwachen und Schwächsten, zur Abwehr des Übermächtigen. Das ist für einen im Pazifismus aufgewachsenen Menschen wie mich schwer auszusprechen. Ich ahne, es geht ganz vielen so. Verzicht auf Gewalt ist ja Kern unserer Botschaft. Also, es ist so ein Moment, in dem wir schuldig werden, was wir auch tun oder eben nicht tun. Es gehört zur Würde von Menschen, sich verteidigen zu können und zur Mitmenschlichkeit, das zu sehen. Das alles nimmt nichts von dem unbedingten Vorrang der zivilen Formen bei der Suche nach Frieden. Es macht deutlich, wie schrecklich die Zeiten sind. Es zeigt unsere Verantwortung. Ich bitte, dass Gott uns alle durch diese Zeit trägt, als erstes die Menschen in der Ukraine.

 

Ein musikalisches "Gebet für die Ukraine", komponiert von Valentin Silvestrov (*1937) in der Fassung für Violine und Orgel, können Sie HIER anhören.

Letzte Änderung am: 21.03.2022